Teil I

Let it sky cry

Under the light

Let I cry sight

A child at night

(Antony and the Johnsons)

Es ist einer jener Tage im Februar, in dem der Winter noch mächtig herummotzt und den deprimierenden Anschein erweckt, er würde niemals enden. Als  Marie von zu Hause los gefahren war, schien noch die Sonne. Jetzt aber fällt Schnee als dichtes, flatterndes Flockennetz. Die Straße ist im Nu unter einer unschuldsweißen Decke verschwunden. Nur mit großer Anstrengung kann sie die Fahrspur halten. Die Westfälische Straße ist unübersichtlich, am Hohenzollerndamm sind die Fahrspuren ausgefahren und der graue Matsch der Reifenspuren markiert ihren Rand.  Die Scheibenwischer quietschen emsig vor sich hin.  Sie ist auf dem Weg zur Kinderarztpraxis, um ihre Tochter Johanna und den Enkel Karl abzuholen.

Als sie an  der Arztpraxis ankommt, geht der Schneefall in ein nasses Nieseln übergeht. Das cleane Weiß wechselt in schlammiges Graubraun: vertraute Berliner Schneeflöckchen-Grauröckchen-Romantik!

“Der Arzt war sehr zufrieden. Alles im grünen Bereich. Karl hat die Impfung tapfer überstanden.“ Mit dem Kind im Arm stürzt Johanna aus der Praxistür hastig durch den Regen. Sie schnallt Karl im Kindersitz in Maries Golf an.

„Du fährst mich doch zum Gericht Mama? Das wäre klasse. Sonst schaffe ich meinen Termin nicht. “

„Na, klar.“ Marie hilft ihrer Tochter, die als Anwältin mit der Vertretung von Sozialstreitfällen tätig ist, bei der Betreuung des Enkels. So gut sie das in ihren  geschäftigen Alltag einbauen kann. Sie schaltet in den ersten Gang und fädelt sich in den stockenden Verkehr ein. Als sie an einer roten Ampel stehen, sagt Johanna plötzlich: „Ich habe übrigens für unseren Urlaub in Kizkalesi Zimmer in einem sehr schönen Hotel gebucht.“

„Was?  Bitte noch einmal:„Kizka.. oder…? Was ist das denn?“

„Ein Ort am Mittelmeer, kilikische Küste“, sagt Johanna. „Anschließend geht‘ s zur Familie an den Euphrat.“

Marie ist überrascht: Den Schwiegersohn drängte es immer so schnell wie möglich nach Ostanatolien. Einen Badeurlaub an der türkischen Mittelmeerküste lehnte er bisher konsequent ab.

„Wie hast Du d a s denn deinem Mann beigebracht?

Ehe Johanna antworten kann, ertönt aus ihrer Aktentasche laut und fordernd ein Hundebellen. Nach einigem Suchen befördert sie ihr Handy ans Licht. Johanna telefoniert, Karl brabbelt ein vor sich hin, Marie konzentriert sich auf die Straße und denkt darüber nach, was alles noch zu erledigen ist: Staubsaugerbeutel kaufen, die Briefe zur Post bringen, Milch fehlt, Kaffee auch. Vor allem aber muss sie für Karl das Mittagessen kochen. Der isst nur Würstchen, Fischstäbchen und Nudeln mit Ketchup, auf keinen Fall Obst und Gemüse. Das wird eine Herausforderung für die großmütterliche Autorität und Diplomatie im Kampf um eine gesunde Ernährung.

Johanna beendet das Telefonat und sagt mit einem schwer zu deutenden Lächeln: „Ich habe ihn einfach überrumpelt! Mit einem preiswerten Hotel und der direkten Busanbindung vom Meer in seine Heimat. Das war nicht ganz so schwer, wie Du denkst. Er war froh, dass ich ihm die Planung abgenommen habe. Planen ist nicht so sein Ding, wie Du ja weißt.“

So, so. Walking in my footsteps, denkt Marie, der Apfel fällt nicht weit vom

durchsetzungsfähigen Mutterstamm.

„Ehe Du weiter herumwunderst, Mama, wir möchten, dass Du uns dieses Mal begleitest.“

In Maries Kopf stürzen die Gedanken durcheinander: Sie will da nicht hinfahren. Johannas Reiseberichte haben ihr keine Lust auf die Heimat ihres Schwiegersohns gemacht. Im Gegenteil. Seine Familie lebt in einem kleinen ostanatolischen Ort und hält sich mit Gemüse- und Pistazienanbau über Wasser. Gelegentlich übernimmt der Vater einen Auftrag als Dachdecker. Ihre Fotos zeigen staubige, unbefestigte, von Ziegen „bevölkerte“ Straßen, Minarette und vom harten Bauernleben gezeichnete Menschen mit Gebetskette in der Hand. Marie glaubt von sich, wenig Vorbehalte zu haben, für eine ländlich-traditionelle Lebensweise  – egal wo – hat sie indes nichts übrig. Sie liebt Bildung, Kultur und Urbanität.

„Und Karl?“ Der Kleine ist nicht einmal zwei Jahre alt!

„Selim will ihn endlich seinen Eltern vorstellen.“

„… und verschleppt mein kleines Karlchen ins wilde Kurdistan?!“ Marie schlägt einen scharfen Ton an.

„Mamaaaa!!! Karl ist nicht d e i n Kind!“

Dieses vorwurfsvolle „Mamaaaa“ ist schwer auszuhalten. Maries Magen zieht sich zusammen. Genau wie damals, als Johanna ihr sagte, sie würde Selim heiraten. Den Fremden aus der Türkei. Klar will der stolze Vater nun seinen Sohn in der Heimat vorzeigen. Sie versteht auch, dass die
Großeltern ihren Enkel endlich einmal sehen wollen. Aber: „Warum kommen die  nicht nach Deutschland?“

„Weil für „d i e“, Johanna macht eine vorwurfsschwangere Pause, „ein Flug hierher genauso realistisch ist, wie für dich eine Reise zum Mond.“

        „Und die Virus- und Wurmerkrankungen, Fäkalkeime im Trinkwasser, die hygienischen Bedingungen…? Das da unten ist ein Paradies für Keime!!!“

Doch Johanna erstickt die Einwände ihrer Mutter rigoros: Es sind längst sämtliche Risiken mit dem Kinderarzt besprochen. Fragen zum Trinkwasser inklusive.

Schweigen.

„Alles klar, Mama?“ bricht Johanna nach einer Weile die ungemütliche Stille. „Lass einfach mal los. Denk an die Woche Strand und so – das wird uns allen gut tun.“ Esra möchte Dich übrigens gern kennenlernen und sich bei dir persönlich bedanken“.

Soso! Maries Vorbehalte gegen die ganze Reiserei erhält neue Nahrung. Seit einiger Zeit  unterstützt sie Esra, die Schwester des Schwiegersohns, bei deren Ausbildung. Esras  Feedback  war jedoch, nun ja, bescheiden: einige SMS und ein Schreiben, auf einem Blatt aus einem Mathe-Schulheft. Jeweils in Türkisch, von Selim bruchstückhaft übersetzt. Die übrigen Botschaften bestanden aus zwei gehäkelten Topfuntersetzern und einem mit Pailletten beklebten, schwarzen Polyester-Kopftuch. Marie hat das alles unter „andere Lebensart“ abgebucht und sieht auch keinen Grund, die Förderung mit einer persönlichen Audienz in Anatolien auf die Spitze zu treiben. Ausweichend erklärt sie ihrer Tochter, dass sie sich erst mit Paul beraten müsse.

„Bitte komm mit. Mir und Karl zuliebe. Du liebst doch deinen Enkel und könntest so erfahren, woher ein Teil von ihm stammt.“

Ein unentschlossenes „mhm, ja“. Mehr bekommt Marie nicht heraus. Sie ist mit der Aufgabe, die richtige Entscheidung zu treffen, ziemlich überfordert. Jetzt muss sie sich auf das Autofahren konzentrieren.

 

 

 

 

Teil III

Beyond the horizon, behind the sun

At the end of the rainbow life has only begun

In the long hours of twilight underneath the stardust above

Beyond the horizon it is easy to love

(Bob Dylan)

13

Das Taxi bringt Marie zum Hotel in die Altstadt und hält an einer ausgetretenen und schlampig ausgebesserten, eher geflickten Steintreppe. Davor parken unzählige Autos. Sie zahlt vierzehn Türkische Lira (TL) – das sind sieben Euro – für etwas mehr als zwanzig Kilometer. Der Taxifahrer hinterlässt nur eine Benzinwolke.

Dann springt ihr das hell beleuchtete „İmam Çağdaş Restoran“ ins Auge. Paul hatte es in seinen Instruktionen vermerkt und es muss tatsächlich berühmt sein, denn vor der Tür drängeln sich eine Menge Menschen und mühen sich um Einlass.

Vom Hotel keine Spur. Keine Hinweistafel. Nichts. Wieder einmal steht Marie verloren mit dem großen Koffer in der Gegend herum, diesmal vor einer Treppe, die in eine unbeleuchtete Gasse führt.

Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, baut sich ein Mann vor ihr auf und sagt irgendetwas. Sie versteht ihn nicht. Soweit das schwache Licht es zulässt, sieht Marie in ein arglos lächelndes Gesicht. Tja, woran erkennt man hinterhältige Absichten überhaupt? Mangels Wahlmöglichkeiten setzt Marie auf Vertrauen: „I search the Hotel Anadolu Evleri.“

„Okay“, sagt er, greift den Koffer und stürmt mit leichtem Schritt die Treppe hinauf. Marie japst hinterher. Vor einer unauffälligen Metalltür, über der eine winzige Lampe kaum Licht verbreitet, steht der junge Mann mit dem Koffer. Auf die Tür weisend sagt er: „Anadolu Evleri, good bye“ und ist im gleichen Moment verschwunden.

Noch nach Luft ringend entdeckt sie eine Klingel. Also klingelt sie und wartet. Tatsächlich: Eine Klappe in der Tür geht auf und ein Gesicht  begrüßt sie mit einem „hallo“.

„I`m Marie Grunewald“. Die Tür öffnet sich sofort. „Welcome, Madam Greenwold“. Ein maximal 1,70 großer Mann mit schütterem Haar und wachem Blick nimmt ihr den Koffer ab: „I`m Timur Schindel, the Manager.“ Einem Jungen wird Maries Gepäck übergeben, der verschwindet damit. Das renovierte osmanische Haus ist um einen Innenhof mit Olivenbäumen, Weinranken, großen Blumentöpfen und einem wundervollen, alten Mosaikfußboden gebaut. All das vermittelt Marie sofort ein Gefühl von komfortabler Geborgenheit.

Über eine Treppe mit anmutig verschlungenem Geländer geleitet sie Herr Schindel in ein geräumiges Zimmer, wo ihr Koffer bereits abgestellt ist. Die Einrichtung erinnert an das Schlafzimmer von Maries Großmutter aus den 1920er Jahren: großes Doppelbett, eierschalenfarben gelackte Schrankwand mit Glasscheiben, kleiner Schreibtisch, zwei Nachtschränke. Im Bad lädt ein alter großer Samtsessel zum Ausruhen, vielleicht auch zur Kleiderablage ein. Die großzügige Dusche und der große Spiegel mit einem Rahmen aus Mahagoni verstärken Maries allgemeines Wohl-Befinden. Das Badezimmer erscheint so groß, wie sonst ein Hotelzimmer für Alleinreisende. Kein Radio oder Fernseher stört das gemütliche Ambiente.

Trotz der anstrengenden Bustour ist Marie kaum müde, eher aufgedreht. Sie muss unbedingt noch einen Blick in die Umgebung des Hotels riskieren. Sie hat schließlich Pauls Anmerkungen zur Burg – türkisch Kale – und der interessanten Altstadt, in deren Mitte sie jetzt gelandet ist, sorgfältig durchgelesen und ist neugierig.

Etwas zaghaft versucht sie die unmittelbare Umgebung des Hotels zu erkunden, ohne sich zu verlaufen oder in noch dunklere Gassen zu geraten, als die, die zum Anadolu Evreli führt. Sie schafft es bis zur Burgruine, die der Altstadt den Namen gegeben hat.

Die Häuser am Straßenrand weisen die ornamentale Ästhetik der osmanischen Zeit auf. Mindestens zwei Moscheen sieht Marie auf der kurzen Wegstrecke. Die Straßen sind belebt. Wie bereits bei der Reise zum Mittelmeer beobachtet, dominieren Männer das Straßenbild.  Einer davon bietet ihr an der Tür seines noch offenen Gemischtwarenladens wort- und gestenreich Wasser an. Ein Déjà-vu, denkt Marie als sie den Mann im altväterlichen grauen Anzug, Häkelkäppi und mit Vollbart im Gesicht mustert. Der sieht tatsächlich aus wie Orhan, der mit Aische aus Selims Heimatort verheiratet ist und mit ihr in Berlin lebt! Nur ist der hier älter. Marie bedankt sich höflich bei dem Mann mit „çok tesekkürler“ und geht schnell weiter. Sie möchte eigentlich nicht an den in Berlin lebenden Orhan denken. Der hat einen schlechten Platz in ihrer Erinnerung.

Orhan ist Kurde und Anfang der 1990er Jahre hatte ihm die Bundesrepublik Deutschland den Flüchtlingsstatus wegen politischer Verfolgung in seiner Heimat zuerkannt. Marie war ihm nur einmal begegnet und hat ihm freundlich aber mit einer Mischung aus Erstaunen und Ablehnung die Hand geschüttelt. Er hatte während der vielen Jahre in Deutschland jeder Anpassung erfolgreich widerstanden. Selbst sein lückenhaftes Gebiss, das er ihr bei der zufälligen Begegnung vor Johannas und Selims Haustür lächelnd enthüllte, hatte er vor den therapeutischen Angriffen des deutschen Gesundheitswesens gerettet.

Im Hotel verschließt sie die Fenster ihres Zimmers, die zum idyllischen Innenhof hinausgehen von innen mit der Holzpersenning. Plötzlich ist sie sehr müde und fällt in das mit frisch duftender, weißer Leinenbettwäsche bezogene Bett. Der kunstvolle Gebetsgesang der Muezzin aus der nahe gelegenen Moschee und leises Taubengurren begleiten sie in den Schlaf.

 

…………..Auf dem immer noch sehr heißen, aber beschwingten Rückweg und der Suche nach einem Internet-Café, landet sie in einem ausgedehnten parkähnlichen Gelände mit schattenspendenden Bäumen und gepflegten Blumenrabatten. Halbwüchsige Jungen liefern sich mit ihren Fahrrädern auf Rampen waghalsige Rennen. Auf einem etwas ramponiert wirkenden Kinderspielplatz mit Rutschen, Schaukeln und Kletterseilen spielen einige Kinder unter Aufsicht ihrer Väter. Auf Bänken aus Stein sitzen alte Männer. Springbrunnenanlagen verbreiten ein wenig Kühle in der spätnachmittäglichen Hitze.

Das muss der Atatürk Kültür Parki sein, der öffentliche innerstädtische Park, erinnert sich Marie an Empfehlungen des Hotelmanagers.

Marie bemerkt die elegant in einem bunt bedruckten knielangen Sommerkleid gekleidete Frau erst, als ein freundliches „Merhaba!“ ertönt.

Ich habe schon wieder ein Déjà-vu!

Die Sitzung zur Vorbereitung der jährlichen Islamkonferenz, an der sie vor einigen Jahren zufällig teilgenommen hatte, wurde von einer türkisch-deutschen Teilnehmerin kräftig aufgemischt. Sie fiel mit der nachhaltigen Forderung nach der Integration der Muslime an den deutschen Rechtsstaat und nicht der Deutschen an die muslimische Welt auf. Die Kämpferische wurde von Lehrern und Schulleitern aus den Berliner Problembezirken unterstützt. Die schilderten ihre Erfahrungen mit der Verweigerung der in Deutschland geltenden Regeln in vielen muslimischen Familien. Die bezüglich der Integration überaus optimistische Leiterin der Veranstaltung war not amused über die politisch in die falsche Richtung laufende Diskussion.

Die zierliche Dame, die sie anstarrt, ruft in Marie diese Erinnerung wach. „Kennen wir uns nicht aus Berlin?“ sagt diese überraschend und völlig akzentfrei auf Deutsch. „Islamkonferenz, nicht wahr?“

Wirklich, sie ist es.

Die Frau mit dem leicht ergrauten schwarzen Haar, das zu einem Dutt im Nacken gedreht ist, schüttelt ihr die Hand.

„Wie kommen Sie denn hierher?“

„Ich mache Urlaub mit meinen Kindern“, sagt Marie erfreut über die Begegnung mit Aylin. Sie erinnert sich sogar an den Namen. Hat sie diese Frau doch in nachhaltiger Erinnerung behalten: Zum ersten Mal erfuhr Marie damals von ihr, dass es muslimische Parallelgesellschaften gibt, die ihr Selbstverständnis aus der Ablehnung der demokratischen Gesellschaft ableiten und die Deutschen als Schweinefleischfresser, Säufer und die emanzipierten deutschen Frauen als Huren verachten.

„Sie heißen Marie, stimmt ́s? Ich kann mich gut an Sie erinnern. Sie haben einen anatolischen Schwiegersohn und planten ein ganz persönliches Integrationsprojekt mit muslimischen Frauen ohne staatliche Zuschüsse. Ich habe noch im Ohr: „aus ziviler Verantwortung!“ Das hat mich damals sehr beeindruckt. Waren wir damals nicht per du?“

Sie stehen vor dem Eingang einer eklektizistischen Stadtvilla im Art-Nouveau-Stil, die im Gegensatz zur Mehrzahl der Stadthäuser gut erhalten ist. Aylin bittet Marie hinein. Sie erklärt ihr, dass sie in diesem Haus, dass einer privaten Stiftung für Bildung und Kultur gehört, arbeitet.

Marie stolpert Aylin durch einen Flur mit hohen Wänden, Stuck, Marmormosaiken und leeren Kartons hinterher in einen großen Salon. Das durch Sträucher und Ranken gefilterte Sonnenlicht taucht diesen Raum in ein geheimnisvolles Halbdunkel. An den Wänden stehen Regale mit Büchern und Zeitschriften voll gestopft. An der hohen Decke schwebt ein Kronleuchter aus kunstvoll ziseliertem Messing mit herabhängenden Ketten.

Aylin richtet auf einem mit Elfenbeinintarsien verziertem Tablett eine Art Samovar mit zwei Porzellanteekannen und einem Metallkessel, tulpenförmige Teegläser und Würfelzucker an und stellt es auf eine noch freie Ecke des mit Papieren überhäuften Tisches. „Ich mache uns einen Tee, ja?“ Ehe Marie etwas sagen kann, fährt sie fort: „Mein Mann ist als Rektor der Englischen Schule berufen, und ich bin mit ihm nach Gaziantep gezogen. Die Kinder sind alle in Deutschland geblieben, studieren dort. Ich arbeite hier im Kulturmanagement, unterrichte, übersetze, und vieles andere mehr.“

Schwingt da leichte Resignation mit? Marie ist sich nicht sicher.

„Geht es dir hier gut?“ fragt sie vorsichtig.

„Na ja, wir sind hier die almanscha yumru burun. In Deutschland waren wir die Türken, das ist schon komisch, nicht wahr?  Doch uns geht es gut, und wir haben den Eindruck nützlich zu  sein.“ Yumru burun ́hört sich irgendwie böse an, findet Marie, almanscha klingt schon freundlicher.

Inzwischen ist der Teesud fertig.  Aylin gießt aus der oberen Kanne etwas davon durch ein Teesieb in die Gläser und füllt den Rest mit dem heißen Wasser aus der unteren Kanne auf.

„Erzähl doch mal, was du so machst. Immer noch dabei, Integration auf eigene Faust zu organisieren?“

Obwohl Maries Integrationsaktivitäten ein paar Jahre zurück liegen, freut sie sich über ein Interesse, das eher selten ist.

„Wegen der türkischen Partnerinnen für ein solches Projekt geriet ich zunächst in eine Lose-Lose-Situation, weil Selims Kontakte zur türkischen oder kurdischen Community gegen Null gingen und er eine Mitstreiterrolle ablehnte“, berichtet sie. „Bis mein Freund Paul den Sozialhelfer Özdemir aus …“

„Herr Özdemir? Heißt seine Frau zufällig Fatma? Mädchenhafte Dreißigerin mit einer langen Mähne? Die kenne ich! Türkische Eltern, in Bielefeld aufgewachsen, Ehe mit einem Schweden, zwei Kinder. Dann gefiel ihr Schweden nicht mehr, also suchte sie wieder in Deutschland ihr Glück und fand Herrn Özdemir.“

„Ja, genau die. Er hat mir Fatma und eine Frau namens Bilge als mögliche Projektpartnerinnen vermittelt. Dass er mit der einen verheiratet und die andere seine Nachbarin ist, habe ich erst später erfahren. Beim ersten Treffen in Kreuzberg stellten die Damen sich verhalten interessiert vor. Ich glaube, ohne den heißen Tee in dem türkischen Restaurant wäre mein Vorhaben gleich gescheitert. Er hat uns so weit aufgetaut, dass wir uns austauschen konnten. Das Fatma-Bilge-Duo sagte zu, das Konzept für einen Gesprächskreis zu erarbeiten. Nebenbei: Fatma ist wirklich sehr attraktiv. Sie wirkt selbst in Hosen und Parka noch feminin.“

„Fatma ist eine tolle Frau – etwas unstet vielleicht. Und Bilge? Die kenne ich ebenfalls. Ihre enge Bindung an den jeweiligen Iman in ihrer Gemeinde, der vom türkischen Religionsministerium nach Deutschland geschickt wird, machte mich misstrauisch. Ich fürchte, der Islam bestimmt allzu sehr ihre Lebensführung. Doch erzähl weiter.“

Marie behält für sich, dass sie Fatma nicht ganz so toll in Erinnerung hat und Bilge in ihrer muslimischen Verhüllung trotz ihrer herzlichen Art eher gewöhnungsbedürftig war. Sie setzt ihren Bericht fort: „Es war so: Fatma und Bilge hatten mir ihr Konzept innerhalb von sechs Wochen schicken wollen. Nach zwei Monaten absoluter Kommunikationspause und unbeantworteter Anrufe durch mich, trudelte per E-Mail ein ziemlich konfuses Papier mit wahllosen Vorschlägen für Integrationsmaßnahmen ein. Ich wusste, dass das so kaum funktionieren würde: Sie wollten wirklich jede gesellschaftliche Gruppe, die irgendwie unter hilfsbedürftig fiel, in das Projekt übernehmen. Straßenmädchen, Drogenabhängige, Kranke, Mütter, Schüler und so weiter. Mit der Betreuung drogenabhängiger Kids oder Zwangsprostitution fühlte ich mich echt überfordert. Von einer Integrationsförderung, wie ich sie mit den Damen besprochen hatte, war keine Rede. Außerdem gab und gibt es vermutlich immer noch reihenweise Vereine, die dafür Fördermittel erhalten.“

„Das mit den vielen Integrationsvereinen hat mich wirklich genervt“, wirft Aylin ein. „Die haben doch zum Teil nur staatliche Gelder abgeschöpft.“

„Ja, den Eindruck hatte ich auch, als ich eine Aufstellung der unzähligen geförderten Initiativen Anfang 2000 alleine aus Neukölln mal in die Hand bekam.“

„Man darf jedoch nicht ungerecht sein, sie haben auch an vielen hilflosen Immigranten Gutes getan. Doch erzähl mal weiter, das ist für mich sehr interessant“, ergänzt Aylin.

Marie hat ein wenig Mühe, sich im Einzelnen an ihre letztlich erfolglosen Treffen mit Fatma und Bilge zu erinnern. Sie verabredete sich erneut mit den Beiden, um das Ziel einer Gesprächsgruppe zu konkretisieren. Die Damen erschienen pünktlich, was 
Marie als gutes Zeichen wertete. Sie bestellten Kaffee, Tee und Baklava. Bilge erzählte, dass sie zurzeit arbeitslos sei und sich
gerne der geplanten Aufgabe widmen würde. Fatma meinte, dass 
sie zwar studiere – was blieb unklar –, für die Mitarbeit in einem 
Projekt jedoch durchaus Zeit finden würde. Beide Damen stimmten Maries Projekt von einem Gesprächskreis im Rahmen eines Frühstücks zwischen türkischen und deutschen Frauen eifrig zu. Zuständigkeiten und die erste Schritte für die Organisation wurden gemeinsam festgelegt. Marie versprach, mit Hilfe von Freunden und Bekannten die Finanzierung der ersten Treffen zu gewährleisten. Die Gesprächsthemen und den Kreis der türkischen Teilnehmerinnen wollten die beiden Damen bestimmen. Sie verabschiedeten sich „auf bald.“ Marie hatte das Treffen bei Tee, Kaffee und Kuchen als harmonisch und produktiv empfunden und wartete gespannt auf Nachrichten. Hatte Fatma Frauen für den Gesprächskreis gewonnen? Welche Gesprächsthemen hielten die Damen wohl für wichtig und richtig? Doch es herrschte absolute Funkstille: Kein Anruf, keine E-Mail, keine Beantwortung von Maries Telefonnachrichten. Never ever!!

„Stell Dir vor, als ich Selim, meinem Schwiegersohn erzählte, dass ich nach einem hoffnungsträchtigen Treffen von den Damen keinen Pieps mehr hörte, grinste der doch und sagt: „Das ist doch ganz klar. Die beiden haben kein Interesse an deinem Projekt. Sich nicht mehr melden, bedeutet einfach: hayir, nein, niente!“

Aylin grinst zu Maries Verblüffung ebenfalls: „Da hat er Recht, dein schlauer Schwiegersohn! Wahrscheinlich wollten die Damen dabei sofort Geld verdienen. Ich erinnere mich, dass Fatma mit ihren zwei Kindern und dem nicht gerade üppig verdienenden Herrn Özdemir an der Seite ziemliche Geldprobleme hatte.“

„Aber darüber kann man doch sprechen, oder?“ Marie ist immer noch aufgebracht darüber, dass sie so wortlos abgeschmiert worden war.

„Das darfst du nicht persönlich nehmen. Unsere Frauen sind nicht in der Lage Klartext zu reden, sie werden so erzogen.“

Aylin hatte inzwischen „pogaca“, wie sie sagt, aus den Ecken des unüberschaubaren Raumes gezaubert.

Marie liebt diese Teigtaschen mit Käsefüllung und greift zu, ohne ihre Erzählung zu unterbrechen. Sie ist jetzt richtig „in Fahrt“ gekommen. „Da ich meine Ziele ungern kampflos aufgebe und lieber mit dem Kopf gegen oder bestenfalls durch die Wand renne, suchte ich dann über verschiedene Kontakte nach neuen Ansätzen. Fleißig ging ich zu allen möglichen Veranstaltungen, von denen ich hörte oder eine Einladung auftreiben konnte.“

Marie verschluckt sich beim hastigen Essen und muss mächtig husten. Dann fährt sie fort: „Oh, ich erinnere mich, was da so abging: Man redete viel, klagte über defizitäre Ist-Zustände und diskutierte über mehr oder weniger theoretische Maßnahmen. Ich hatte immer den Eindruck, dass über allen Bemühungen so etwas wie Hilflosigkeit zu schweben schien. Du warst mit deiner klaren Warnung, dass der Islam die Lebensführung der Menschen bestimmen will, eine ziemlich einsame Ruferin in der Wüste.“ „Ich kam mir manchmal schon wie eine Nestbeschmutzerin vor, aber es ist die Wahrheit: Für die Mehrzahl der Christen hat die Religion eine ganz andere Bedeutung als für viele Muslime. Das wird von den deutschen Politikern oft übersehen. Aber wie ging ́s bei dir weiter?…..

 

Teil IV

………Am nächsten Tag steht sie in der kleinen Stadt Birecik auf 
einer Brücke über den Euphrat und wartet auf ihren Schwiegersohn, der sie mit einem Taxi zu seiner Familie nach Bozova bringen soll. Herauskatapultiert aus einem traumhaften Kosmos, 
dessen sanfter, zärtlicher und leidenschaftlicher Herrscher Manu 
war. Sie fühlt sich nach der letzten Nacht, ach, sie weiß nicht wie. Vielleicht wie ein Alien auf der fremden Erde? Auf jeden Fall ist 
sie nur eingeschränkt handlungsfähig.

Trotzdem hat sie es mit Koffer und einer fast zweistündigen Busfahrt bis hierher geschafft. Der Gedanke an ihr Karlchen und ihre liebe Johanna haben sie wie einen Automaten angetrieben.

Sie schaut auf den wenig eindrucksvollen Fluss, der hier, südlich des Birecik-Staudammes an flachen, trockenen Ufern vor sich hin dümpelt. Die Brücke ist üppig mit Stern und türkischem Halbmond auf rotem Grund beflaggt. Die Hinterhöfe, in die sie von ihrem Warteplatz einsieht, bieten ein ähnlich surreales Bild mit Gerümpel, abplatzenden Fassaden und abgerissenen Kabeln wie im Hinterland des Badeortes am Mittelmeer. Aus den Fenstern hängt Wäsche zum Trocknen.

Endlich erscheint Selim mit einem dicklichen Menschen, dem das Taxi gehört. Die Fahrt zu Selims Familie dauert vierzig Minuten und führt auf engen, gewundenen und teils ungepflasterten Straßen am Euphrat entlang, an großen Ackerflächen mit Olivenbäumen vorbei, durch ärmliche, aber auch durch blühende Dörfer mit Neubauten. Der Chauffeur erklärt, dass diese Orte bereits durch den Birecik-Staudamm mit Wasser versorgt werden und darum besser gestellt sind als die übrigen.

In Bozova begrüßt Marie zuerst der kleine Karl. Der dampft jedoch sofort wieder ab, um heimlich das Fahrrad seines Cousins Mustafa zu entern. Die Familie empfängt sie mit vielen unbekannten Gesichtern und Namen, die sie sich nur mit Mühe merkt.

Hattice ist Selims Schwester. Sie ist zwei Jahre jünger als er und mit Bülent, dem Schäfer, verheiratet. Sie hat etwa Maries Größe und unter dem langen bunten Rock wölbt sich ein schwangeres Bäuchlein. Das bunte, im Nacken geknotete Kopftuch, das die Haare bedeckt, lässt das wohlproportionierte Gesicht mit den klugen Augen frei. Marie gefällt, dass sie weniger durch Kleidung zugedeckt ist, als die vielen traditionell gekleideten Frauen, die sie auf ihren Reisen getroffen hat. Bülent, ihr Mann ist ein mittelgroßer, schlanker und attraktiver Mann mit buschigen Augenbrauen. Marie erinnert sich an Selims Erzählung, dass beide in der Kritik der alten Klatschweiber im Dorf standen: Sie heirateten aus Liebe. Das gilt bei den Alten und Konservativen als Sittenverstoß!

Von Mustafa, dem vierjährigen Sohn der beiden, sieht sie zunächst nur die großen schwarzen Augen, mit denen er sie, hinter dem Rock der Mutter verborgen, scheu mustert. Hattice und Bülent begrüßen Marie, indem sie ihren rechten Handrücken mit einem angedeuteten Kuss berühren und ihn dann an die Stirn führen. Mustafa kommt vorsichtig hinter dem Rock seiner Mutter hervor und macht es ihnen nach. Die Nine umarmt Marie, der Dede verbeugt sich vor ihr.

Alle stehen im Innenhof eines viereckigen grauen Betonbaus, dem Haus der Yilmaz. Ein imposanter Garten in üppigem Grün und mit einer Mauer aus gestapelten Feldsteinen grenzt an den Innenhof. Zu ihrem Erstaunen erfährt sie, dass die Familie Yilmaz nur die erste Etage bewohnt. Derzeit wohnen dort Selims Eltern, die achtzigjährige Oma sowie Selims Schwester Kadar und sein Bruder Mehmet, die noch in die Schule gehen. Welche Funktion das imposante Erdgeschoss hat, bleibt ein Geheimnis

Hattice, Bülent und Mustafa wohnen am anderen Ende des Dorfes in einem eigenen Haus. Sie sind zu Ehren des deutschen Besuchs ins Elternhaus gekommen.

Marie bewundert den breiten Balkon, der um die obere Etage herumführt, und Selim erzählt stolz, dass sein Vater das Haus alleine ausgebaut hat. Das geräumige Wohnzimmer ist mit orientalischen Teppichen ausgelegt und spärlich mit einem Sofa und drei Sesseln möbliert. Ein etwas zerknitterter Kalender und ein Hochzeitsfoto von Hattice schmücken die Wände. Ein Fernseher prangt in der Ecke. Bücher sucht Marie vergeblich. Stattdessen entdeckt sie sofort: Die Steckdosen sind schief eingesetzt, die Malerarbeiten verpfuscht. Die blaue Wandfarbe ist auf dem Betonfußboden verkleckert, der neben den Teppichrändern sichtbar ist. Jetzt weiß sie, woher Selims Neigung zu „Improvisationen“ im Alltag stammt!

Nach der Begrüßung versammelt sich die ganze Familie im Schneidersitz um eine bunte Plastikdecke, die auf dem Fußboden ausgebreitet ist, um das Mittagessen einzunehmen. Inzwischen sind Selims Geschwister Kadar und Mehmet aus der Schule nach Haus gekommen.

Den Essgewohnheiten der Familie folgend, setzt sie sich ebenfalls mit angewinkelten Beinen auf den Boden und wickelt die zubereiteten Pasten, eingelegte Paprikas, gerollte Weinblätter
und andere für sie undefinierbare Speisen in ein tellerförmiges, flaches Brot. Kaum beißt sie zu, fällt der Inhalt aus ihrer Rolle und kleckert auf die feine schwarze Hose und die weiße Bluse, die sie in der Hoffnung, einen soliden Eindruck zu machen, angezogen hatte. Ach du liebe Güte, wie peinlich und ungeschickt! Sie versucht den kleinen Unfall zu vertuschen, hat jedoch Schwierigkeiten die Mahlzeit würdevoll fortzusetzen. Die schwarze Hose muss im Bad gereinigt werden. Johanna soll ihr unauffällig dabei helfen.

Als sie Johanna leise bittet, ihr das Klo zu zeigen, reagiert die unsicher und zögerlich. Im „Sanitärraum“ der Yilmaz weiß sie dann auch warum: Es ist der hygienische Super-GAU ihrer Reise. Vor der Tür des Raums liegen Massen von defekten und feuchten Gummi- oder Plastiklatschen durcheinander. Johanna weist sie an, eine Auswahl von zwei Latschen zu treffen und überzuziehen und erst dann das „Bad“ zu betreten. Das ist gut so, denn der Zementfußboden des Raumes steht unter Wasser. Das Klo ist durch Hinhocken zu benutzen, und eine Spülung desselben mit einem an der Wand befestigten Gummischlauch ist mit einer Überschwemmung des gesamten Bodens kombiniert. Es gibt ein Waschbecken und eine Art Schlauchdusche mit fließendem kalten Wasser. Warmwasser zum Waschen wird in der Küche in großen Töpfen zubereitet, erklärt ihr Johanna grinsend. Marie muss schlucken, ermahnt sich dann, dass sie ihre zivilisatorischen Maßstäbe hier nicht anlegen darf und bewundert ihre Tochter, die dies über längere Zeit ohne Murren akzeptiert. „Man gewöhnt sich daran“ lautet ihre pragmatische Devise. Dass sich Marie beim Hocken über dem Loch im Boden ihre Hosenbeine anpinkelt, bestätigt, dass ihre Anpassungsfähigkeit im Gegensatz zu der ihrer Tochter nicht nur mental, sondern auch physisch stark eingeschränkt ist. Ihre Hose ist nun von den Kleckerflecken notdürftig gereinigt, dafür aber leicht angepinkelt. Die Bluse sieht ebenfalls alles andere als frisch aus.

Na, das fällt hier hoffentlich kaum ins Gewicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bewertungen

Voller eindrucks-voller Bilder und mit einer einfühlsamen Sprache beschreibt die Autorin eine Welt… - Gabriele von Thun
Eine interessante und gut erzählte Geschichte über Liebe und fremde Lebenswelten in Anatolien…   - Kathrin
Ein Buch, dass man nicht weglegt, sondern in einem Zuge durchliest. Eine Reise nach Gaziantep … - Irawadi42
Marie erzählt flott, spannend und in einer modernen Alltagssprache. Am Ende wünscht man sich… - Sulab
Wer kennt schon Gaziantep? Wer weiß, wo es liegt und was ihn dort erwartet… - Gabriele70